Warme Wolldecke (Erika S., 54)
In meinem Leben habe ich vieles als Schutz verdrängt, ein Überlebensmechanismus und fast mein Verderben. Freund und Feind zugleich.
Als Kind schützte ich mich durch Verdrängen, um nicht allzu schmerzhafte Dinge zu sehen und zu spüren. Es half mir, viele Erlebnisse unbeschadet zu überstehen, wenn ich keine andere Möglichkeit sah. Der Nachteil war, dass ich den Kontakt zu mir selbst allmählich verlor.
Die Verdrängung schützte mich, machte mich aber auch blind für meine Gefühle und Bedürfnisse. Sie war wie eine warme Wolldecke, die ich über mich breitete und unter der ich beinahe erstickte. Hätte man mir jedoch meine Decke entrissen, hätte mich der Schock sicher erfrieren lassen.
Ich konnte an schmerzenden Situationen beteiligt sein, ohne überhaupt zu spüren, dass ich Schmerzen litt. So war ich in der Lage, vieles auszuhalten ohne die leiseste Ahnung, dass es nicht normal ist. Ja, ich lernte sogar, mich an meinen Verletzungen selbst zu beteiligen.
Irgendwann begann ich, mir meine Schmerzen, Gefühle und Verhaltensweisen leise bewusst zu machen. Ich begann behutsam, mich und die Welt so zu sehen, wie wir wirklich waren. Das Leben hilft dabei wie ein gütiger Lehrmeister.
Im Verlauf meiner inneren Heilung kamen dann Menschen auf mich zu, die mir vor Augen führten, was ich immer noch verdrängte und wo ein tieferes Erinnern erforderlich sei. Sie halfen mir, damit gut umzugehen.
Wenn jedoch die Stürme zu heftig losbrausten und Vertrautes wieder durcheinander geriet, um mich auf das Neue vorzubereiten, verkroch ich mich wieder eine Weile unter meiner warmen Decke.
Hin und wieder brauchte ich sie auch nur kurz, dann, wenn mal zuviel auf einmal gefühlt und akzeptiert werden wollte.
Manchmal schäme ich mich auch, weil es so lange dauert, bis ich mich zur Realität durchringe. Dann geschieht aber oft etwas Helfendes, und ich sehe, dass ich die Zeit brauchte, um schmale Engpässe und kleine Hürden zu überwinden. Auch achte ich heute auf Warnzeichen wie nebelhafte oder verwirrte Gefühle, ziellose Trägheit, zwanghaftes Denken und plötzliche Hektik. Wenn ich das vermeide, hilft mir das, gesund zu bleiben.
Und wenn heute das Denken und die Handlungsweise anderer Menschen mir schadet, muss ich nicht mehr bei ihnen bleiben. Ich kann ihnen den Rücken kehren und mich um mein eigenes Wohlergehen kümmern.
